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[Rezension] Daniel F. Galouye: Dark Universe – Der Aufbruch

DarkUniverse_Cover-ebookAllgemeines zum Buch:

Originaltitel: Dark Universe
Autor: Daniel F. Galouye
Übersetzer: Jan Enseling
Genre: Science Fiction
Erschienen: 10.05.2017 bei Mantikore Verlag

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Klappentext:

Jared gehört zu den „Überlebenden“.

Vor Jahrhunderten löschte ein gewaltiger Krieg die menschliche Zivilisation
aus und machte die Erde unbewohnbar. Die wenigen Überlebenden der Katastrophe konnten sich in ein unterirdisches Tunnelsystem retten. Seit Generationen leben sie im Untergrund – ohne Licht – in völliger Dunkelheit. Ihre Sinne haben sich perfekt an die ewige Nacht angepasst. Erinnerungen an die alte Welt, sogar an Licht, sind nicht mehr als Legenden – bewahrt in den Mythen der Überlebenden.

Jared will den Geschichten auf den Grund gehen und wagt den riskanten Aufstieg…


Meine Meinung (Achtung: Spoiler!):

Es ist lange her, dass ich Science Fiction gelesen habe. Ich bin mit Andreas Eschbach aufgewachsen, und seine Romane haben meinen Blick auf die wissenschaftliche Seite des Universums geprägt. Mit „Dark Universe“ bin ich in dieses Genre zurückgekehrt und obwohl das Buch über 50 Jahre alt ist, kann es auch heute noch faszinieren.

Von der ersten Seite an werden wir in die Welt der absoluten Dunkelheit geworfen, in der Jared lebt. Wir erfahren, dass die Menschen, welche sich Überlebende nennen (nunja, zumindest, nachdem sie einen Partner für die „Vereinigung“ gefunden haben, nennen sie sich so), gelernt haben, ihre Umgebung durch Laute und Echo wahrzunehmen. Jared scheint darin begabter als die meisten anderen, er kann seine Umgebung erstaunlich detailreich wahrnehmen, solange es nur eine Laut-Quelle gibt. Er ist der Sohn des Anführers, doch ausgerechnet er tut sich schwer damit, den religiösen Leitfäden seiner Gesellschaft zu folgen. Das Licht wird als Gottheit angebetet, ohne dass jemand weiß, was das Licht ist, ebenso wie die Finsternis für das Böse steht, obwohl niemand weiß, was Finsternis ist. Einige wissenschaftliche Begriffe haben die Jahrhunderte überdauert – Strontium, Kobalt, Wasserstoff -, doch ihre eigentliche Bedeutung ging verloren, so dass sie jetzt nur noch als Dämonen bezeichnet und gefürchtet sind. Man spricht von einem Paradies, aus welchem die Menschen verbannt wurden, in welchem sie die Fähigkeit hatten, ganz ohne Laute über weite Entfernungen hinweg zu sehen.

Sehen. Ein Begriff, der den Überlebenden noch bekannt ist, aber der ebenfalls seine Bedeutung verloren hat. Niemand weiß, was sehen ist. Niemand weiß, wozu Augen da sind, weswegen die meisten sie ständig geschlossen halten. Dieses Konzept zieht sich konsequent durch den Text, auch das erzählende Wort spricht nie von sehen, sondern immer nur von hören. Am Anfang ist es absonderlich, bei Floskeln wie „Wir sehen später weiter“ oder „Siehst du das dahinten?“ das Wort auszutauschen und hören hinzuschreiben, doch es gestaltet die Welt und macht sie authentisch. Die gesamte Umgebung wird durch hören erschlossen.

Noch spannender wird dieses Konzept in jenem Moment, da wir auf Zivver stoßen, welche erst als andersartige Monster präsentiert werden, doch schnell lernen wir, dass auch sie lediglich Menschen sind, die jedoch keinen überragenden Gehörsinn entwickelt haben, sondern Infrarotsicht. Sie sind den Überlebenden überlegen, da sie immer „zivven“, sie brauchen keine Laut-Quelle, um die Umgebung wahrnehmen zu können. Nur hohe Temperaturen sind ihr Feind, da dann die Wärmesicht versagt. Jared versucht verzweifelt herauszufinden, was zivven ist, doch da er das Konzept von Sehen nicht versteht, kann er nur erahnen, wie Zivver ihre Welt wahrnehmen.

Und noch verwirrter wird er, als die echten, bösartigen, überlegenen Monster auftauchen, welche eine Waffe bei sich tragen, die alle Sinne benebelt und teilweise Menschen in Ohnmacht fallen lässt. Dem Leser ist natürlich vom ersten Augenblick an klar, dass auch dies vermutlich nur Menschen sind, aber dass diese tatsächlich noch über Lichtquellen verfügen. Das „lautlose Geräusch“, welches Jared wiederholt wahrnimmt, bereitet ihm und den anderen Überlebenden Schmerzen, und sie begreifen es nicht. Wie können sie etwas hören, das keinen Laut macht? Denn jede Sinneswahrnehmung, die ihnen ihre Umwelt enthüllt, ist für die Überlebenden hören. Und hören ist mit den Ohren und Geräuschen verbunden. Dass es die Augen sind, welche mit Hilfe von Licht die Umgebung wahrnehmen, versteht Jared erst viel, viel später.

So viel zum Konzept, kommen wir zur eigentlichen Geschichte: Jared will das Licht finden, er zweifelt an der Religion. Als die Monster auftauchen, beschuldigt sein Volk ihn, dass er das über sie gebracht hat, weil er gezweifelt hat. Es gibt eine längere Episode, in der Jared in Kontemplation versunken über das Licht und seinen Glauben nachdenkt. Ihn plagen Gewissensbisse. Das Problem daran ist: Der Leser kann nicht mitleiden. Die gesamte Religion wurde zu keinem Zeitpunkt so präsentiert, dass man ihr Bedeutung zumessen kann. Zumindest keine handlungsleitende Bedeutung. In Romanen, welche sich mit bspw. christlicher Religion beschäftigen, da kann man die Handlungsmotivation von bspw. Mönchen durchaus verstehen, auch wenn man selbst nicht gläubig ist. Hier jedoch wurde die Religion so konfus präsentiert und durch die Brille von Jared von Anfang an mit Zweifeln betrachtet, dass ich als Leser ihr einfach keinerlei Bedeutung für Jared beimessen konnte. Warum einige seiner Handlungen eine Zeit lang in diesem Glauben ihre Motivation fanden, bleibt leider unerklärlich, so spannend die Religion ansonsten auch ist.

Beeindruckt war ich auch vom Ende (erneuter Spoiler-Hinweis!): Jared war stets derjenige, der dachte, das Licht könnte eventuell etwas anderes als eine Gottheit sein, eventuell sogar etwas Physisches sein, doch als er durch Zufall die Außenwelt erreicht, ist er so von Panik erfüllt, dass er zurückkehrt und seine Mitmenschen, welche sich gerade gesammelt auf den Weg aus der Unterwelt hinaus machen, davor warnen will, die Außenwelt zu betreten. Plötzlich ist er derjenige, der am heftigsten dafür kämpft, dass der alte Glaube aufrecht erhalten wird und sich nichts ändert. So überraschend das im ersten Moment auch war, so einleuchtend war es doch, denn das Grauen, das Jared packt, als er die unendliche Weite der Außenwelt das erste Mal sieht und die Hitze der Sonne das erste mal spürt, ist eindringlich geschildert.

Leider gibt es zum Ende hin einige Mängel im Schreibstil, der bis dahin schön zu lesen war. Ich weiß nicht, ob es an der Übersetzung lag, doch bei einem längeren Gespräch die wörtliche Rede ausschließlich mit dem Namen der sprechenden Person und manchmal noch einem Adjektiv zu versehen, das gehört nicht in einen Roman. So schreibt man Theaterstücke. Das hat mich deutlich stolpern lassen. Abgesehen davon haben aber Autor und Übersetzer gute Arbeit geleistet.


Fazit:

Der Science-Fiction-Roman „Dark Universe – Der Aufbruch“ ist ein spannendes Gedanken-Experiment, das vor dem Hintergrund des Horrors eines globalen Atomkrieges überlegt, wie Menschen ohne ihre Augen in der Welt zurecht kommen würden. Im Jahr 1962 hatte dieses Buch gewiss noch eine größere Schock-Kraft als heute, doch es bleibt spannend und interessant. Einzig der misslungene Aufbau des Religionssystems trübt die Freude ein wenig. „Dark Universe“ erinnert streckenweise an „The Time Machine“ von H. G. Wells und macht genau das, was Science Fiction (unter anderem) tun sollte: Zukunftsszenarien entwerfen und so fantasiereich wie möglich ausformulieren, wohin wissenschaftliche Errungenschaften uns führen und wie Menschen sich entwickeln könnten. Dieses Buch ist wie ein guter Kaffee: anregend und es hält wach!

Ich vergebe 4 von 5 Kaffeetassen.

4P

Klappentext & Cover sind der Seite vom Mantikore-Verlag entnommen.

Ein Kommentar zu „[Rezension] Daniel F. Galouye: Dark Universe – Der Aufbruch

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