Psychologie

Die Reproduktion heteronormativer Machtstrukturen in Gay-Romance

In der jüngeren Vergangenheit ist „Gay-Romance“ als Genre auch in Deutschland auf dem publizierten Buchmarkt immer beliebter geworden. Während das auf der einen Seite ein großer Schritt ist, um die Wahrnehmung von Beziehungen jenseits des Mann/Frau-Stereotyps zu erhöhen, gehen doch auch einige deutliche Probleme damit einher. Mir scheint, die Debatte dazu ist im anglo-amerikanischen Raum schon viel weiter als bei uns, doch leider hat es nicht dazu geführt, dass sich dort (oder hier) irgendetwas an der eigentlichen Problematik ändern würde. Entsprechend habe ich beschlossen, einen Blogartikel rund um Gay-Romance und generell Machtstrukturen in romantischen fiktiven Beziehungen zu schreiben. Um direkt zu Beginn klarzustellen: Ich weise hier auf Probleme, die ich sehe, hin, und will nicht aussagen, dass alle Werke problematisch sind, oder dass alle LeserInnen und AutorInnen problematisch sind. Wie in jedem Genre und bei jeder Sache auf der Welt gibt es positive und negative Beispiele. Ich beziehe mich in diesem Artikel ausschließlich auf die Gruppe der in meiner Auffassung negativen Beispiele.

Das erste Mal, das ich persönlich auf Gay-Romance gestoßen bin, dürfte inzwischen über zehn Jahre her sein: Zu jener Zeit habe ich angefangen, online Harry-Potter-Fanfiction zu lesen und in dem Fandom gab es eine große Menge an sogenannten Slash-Werken. Kurz darauf begegnete mir das Genre Yaoi, nachdem ich meine Leidenschaft für Manga entdeckt habe. Viel später erst sind mir die ersten offiziell publizierten, in Buchhandlungen käuflichen Bücher über homosexuelle Beziehungen aufgefallen. Interessanterweise hatten viele dieser Geschichten etwas gemeinsam: Sie stellten homosexuelle, männliche Beziehungen in einer Art und Weise dar, die ich (als heterosexuelle Frau) unrealistisch empfand. Also fragte ich Freundinnen, die in diesem Genre gerne lesen, was sie davon halten und vor mir öffnete sich ein riesiger Kaninchenbau. Doch fangen wir vorne an.

 

Heteronormative Machtstrukturen – kann man das essen?

Hinter diesem Begriff versteckt sich etwas, was so subtil und genau deswegen stabil in unserem Unterbewusstsein verankert ist, das man schon sehr genau hinschauen muss, um es in all den Details zu erkennen. Jede zwischenmenschliche Beziehung ist von Machtstrukturen geprägt, ohne dass dies in sich negativ oder positiv sein muss. Für eine beinahe ewig anmutende Spanne der Menschheitsgeschichte jedoch war die Machtbeziehung zwischen Mann und Frau sehr einseitig zu Gunsten des Mannes ausgerichtet.

Noch in den Schriften der Schottischen Aufklärung, die sich mit Moralphilosophie beschäftigen, geht es nicht darum, die Frau dem Mann ebenbürtig zu machen. Es ist kein Wunder, dass der moderne, romantische Roman gerade zu jener Zeit eine plötzliche Popularität erlangte: Frauen konnten lesen und das neue Menschenbild, das durch die Aufklärung vermittelt wurde, romantisierte die Beziehung zwischen Mann und Frau so sehr, dass der Traum von Liebe sich auf dem Papier materialisierte. Anstatt der barbarischen Umgangsformen des Mittelalters bekamen die Frauen plötzlich ritterliche Gesten, die Männer umwarben sie, schmeichelten, machten Komplimente. Die Frau wurde als tugendhaftes, schönes Objekt auf ein Podest gehoben – während sie gleichzeitig als eine ihrer größten Tugenden auch die Schwäche bewahren musste, denn nur eine Frau, die man beschützen kann, ist eine begehrenswerte Frau. Sie darf gerne gebildet und wortgewandt sein, aber niemals so sehr, dass sie tatsächlich eigenständige Meinungen artikulieren könnte. Sie sollte ein Partner für den Mann sein, aber anstatt dass sie seine Aufgaben teilt und er ihre Aufgaben teilt, wird ihre gemeinsame Welt in zwei Sphären geteilt, die öffentliche, politische für ihn, die heimische, private für sie. Sie sind Partner im Leben, weil sie die Welt aufteilen und trennen, nicht weil sie auf Augenhöhe miteinander kommunizieren. Sie ist Gefühl und Familie, er ist Verstand und Politik.

Obwohl auch dieses Bild von Mann und Frau nur wenige hundert Jahre auf dem Buckel hat, scheint es doch noch heute fest in unserer gesellschaftlichen Wahrnehmung verankert. Der Mann hat die Macht, er ist stark, ein Beschützer, voller sexueller Energie, die er schon oft ausgelebt hat. Gleichzeitig ist ihm die Sphäre des Gefühls nicht so offen und selbstverständlich wie der Frau, er hadert mit sich und weiß nicht, wie er emotional sein kann, ohne schwach zu wirken. Die Frau wiederum ist nach wie vor abhängig, vielleicht willensstark und frech, aber nicht mächtig in irgendeinem relevanten Sinne. Dafür ist sie in Kontakt mit ihren Gefühlen und kann dem Mann beibringen, seine Gefühle zu verstehen. Das ist ein klassisches Klischee in romantischen Geschichten. Er erobert sie, macht aus dem hässlichen Entlein den schönen Schwan, sie kann endlich ihre unterdrückte Sexualität erkunden, ohne dabei aber ihre Unschuld wirklich zu verlieren, und er kann sich vor ihr in seiner ganzen Männlichkeit aufbauen. Er braucht sie, sie braucht ihn, aber am Ende hat er die Macht. Ich könnte noch Ewigkeiten weiter schreiben über die Probleme insbesondere des Klischees der unschuldigen, sexuell unerfahrenen Frau, doch das ist hier nicht Thema.

 

Wer liest Gay-Romance?

Stattdessen bringt uns diese klischeebeladene Darstellung romantischer Beziehungen in mittelmäßigen Liebesromanen zu der Frage, warum Gay-Romance eigentlich so beliebt bei Frauen ist. Oder vielmehr: zu einer von vielen Antworten.

Schon im Jahr 2013 hat centrumlumina auf tumblr eine statistische Erhebung durchgeführt, die darauf abzielte, Geschlecht, sexuelle Präferenzen und Leseverhalten bei Nutzern des Fanfiction-Archivs AO3 zu analysieren. Die Masse an empirischen Daten ist beeindruckend, doch für meinen Punkt sticht vor allem eines heraus: 80% gaben an, weiblich zu sein, und mehr Teilnehmer haben sich keinem der beiden Geschlechter zugeordnet als anzugeben, Männer zu sein. Selbst, wenn man bedenkt, dass Frauen generell eher Romanzen lesen als Männer und somit auf einer Plattform, die vor allem romantische und erotische Geschichten hat, anzutreffen sind, ist es doch erstaunlich, wie wenig Männer Gay-Romance im Fanfiction-Bereich lesen.

Viele haben diese Daten als Ausgangspunkt für weitere Analysen genommen. Unter anderem hat Lady Geek Girl einen erhellenden Beitrag darüber geschrieben, warum überhaupt so viel Slash im Fanfiction-Bereich geschrieben wird. Nicht alle Argumente sind auf eigenständige Werke wie Bücher und Mangas übertragbar, doch einige sind auch für uns spannend und führen zu dem zurück, was ich zu Beginn geschrieben habe: die Klischees in Liebesromanen. In einer homosexuellen Beziehung zwischen Männern gibt es „echte Probleme“, anstatt dass irgendwelche schon oft gelesenen Plot-Twists verwendet werden müssen – das ist ein Argument, das ich auch von Freunden oft höre. Andere sagen, dass sie sich bei Gay-Romance nicht durch die Anwesenheit einer weiblichen Protagonistin eingeschüchtert oder ausgegrenzt fühlen. Wieder andere führen an, dass sie als heterosexuelle Frauen eben auf Männer stehen und dass zwei heiße Kerle besser sind als einer. Die Liste der Gründe ist lang. Doch wirklich interessant ist das, was Lady Geek Girl in dem Artikel nuanciert herausarbeitet.

Die Machtstrukturen, die zwischen Mann und Frau in vielen Liebesromanen herrschen, bestehen häufig zu Ungunsten der Frau. Allzu häufig ist die Protagonistin schwach oder lässt sich gar ausnutzen und missbrauchen, wie am Beispiel von „50 Shades of Grey“ und diversen weiteren Erotik-Romanen danach zu sehen ist. Man kann das Missverhältnis förmlich mit den Händen greifen. Die Frau ist dem Mann unterlegen, von Natur aus, immer, es geht gar nicht anders. Das ist etwas, womit eine gebildete, emanzipierte Frau nicht viel anfangen kann. Selbst, wenn frau ihre romantische Seite hat und auslebt, so sehnt sie sich doch irgendwann auch einmal danach, von einer gleichberechtigten, ehrlichen Partnerschaft voller Liebe zu lesen.

Gay-Romance hat den Vorteil, dass beide Liebende Männer sind. Sie begegnen sich also notwendig unter anderen Vorzeichen als Mann und Frau. Sie sind ebenbürtig. Sie sind echte Partner. Gleichstellung. Auf Augenhöhe. All das, was Frauen in den stereotypen Liebesromanen mit heterosexuellen Paaren vermissen, findet sich in Gay-Romance. Das ist einer der wichtigsten Gründe, warum Yaoi-Manga, Slash-Fanfiction und Gay-Romance existiert. Das ist es (neben all den anderen oben aufgeführten Gründen), was Frauen an homosexuellen Beziehungen interessiert.

homosexuality

Heterosexuelle Machtstrukturen – auch zwischen Männern.

Leider sieht die Realität aber doch anders aus. Natürlich gibt es lobenswerte Ausnahmen, doch viele Werke in Gay-Romance, Slash-Fanfiction und Yaoi-Manga reproduzieren exakt das, was man eigentlich mit Mann-Mann-Beziehungen vermeiden wollte. Es scheint insbesondere unter den weiblichen Lesern und Autoren inzwischen beinahe als Wahrheit zu gelten, dass in einer homosexuellen Beziehung zwischen Männern einer der dominante, der andere der unterwürfige Part sein muss. Oder, um es vulgärer auszudrücken: Einer muss den Hintern hinhalten. Im Fandom-Sprech wird das auch „Bottom“ genannt. Diese Wahrheit scheint jedoch gar nicht für alle schwulen Männer wahr zu sein, einige empfinden Analsex weder als angenehm noch als wichtig für ihre Beziehung – und es ist ja genau der Analsex, der zu der Annahme führt, dass einer sich unterwerfen muss.

Als aktives Mitglied der Wattpad- und generell der Fanfiction-Gemeinde kann ich gar nicht mehr aufzählen, wie häufig ich Gay-Romance oder Slash-Fanfiction gelesen habe, in der einer der beiden Männer als schüchtern, unerfahren, klein, niedlich, blass und vor allem: schwach dargestellt wird, während der andere erfahren, selbstbewusst und rau ist. Wir finden in den äußerlichen und emotionalen Beschreibungen das Vokabular wieder, das wir mit heterosexuellen Beziehungen verbinden. Beziehungen, die durch die Gesellschaft zu Ungunsten der Frau normiert sind, finden sich plötzlich auch zwischen Männern wieder.

Häufig ist es auch der im Ausgangsszenario noch heterosexuelle Mann, der schüchtern und unerfahren ist, der in die Rolle der Frau gedrängt wird. Er muss sich seiner wahren Gefühle erst bewusst werden. In seiner Emotionalität, die in der Fiktion besonders expressiv beschrieben wird, wirkt er auf die weiblichen Leser besonders süß und niedlich – und vor allem anders als der typische, angeblich zu Gefühlen unfähige Mann. Ich habe tatsächlich im realen Leben weibliche Bekannte, die in Quietschen ausbrechen, wenn von schwulen Männern die Rede ist, weil sie das so süß, niedlich und beschützenswert finden – als würden sie ein kleines Hündchen anschauen. Ob die Beziehung von homosexuellen Männern tatsächlich so aussieht, wie in Gay-Romance dargestellt, ist dabei zweitrangig, wie mein Lieblings-Onlinemagazin The Mary Sue schön herausgearbeitet hat. Ich will auch gar nicht anfangen mit den Sex-Beschreibungen, die ich schon gelesen habe – wenn der „Bottom“ beim Sex feucht wird, weiß ich bereits, woran ich bin.

Nackte Männerbrust mit MuskelnEbenso begegnen wir in Gay-Romance oft äußerst attraktiven Männern, gut gebaut, muskulös, vielleicht sogar mit Bart, und es wird seitens der Autoren gerne ausführlich beschrieben, wie die nackte Brust oder der nackte Hintern erkundet wird. Diese Szenen könnten häufig ohne Änderung auch in einen heterosexuellen Liebesroman übernommen werden. Auf der anderen Seite haben wir in Yaoi-Manga fast ausschließlich den Typ Bishonen als Protagonisten, also androgyne Männer, die einem sehr speziellen japanischen Schönheitsideal nachempfunden sind, welches sich wiederum an den ursprünglich typisch weiblichen Charakteristiken orientiert. Nicht selten bekommt einer der beiden Männer auch die typischen großen Shojo-Augen mit langen Wimpern verpasst.

 

Eine widersprüchliche Beobachtung

Bleibt also festzuhalten, dass ein Großteil der Leser von Gay-Romance, Slash-Fanfiction und Yaoi-Manga Frauen sind. Wir konnten außerdem sehen, dass einer der gewichtigeren Gründe, warum Frauen sich dafür interessieren, ist, dass sie keine Lust mehr auf die für Frauen ungünstigen Machtstrukturen in klassischen Liebesromanen haben. Und zum Schluss haben wir erfahren, dass viele dieser Werke die Beziehung zwischen Mann und Mann auf eine heteronormative Weise darstellen. Und ich bleibe mit Fragezeichen zurück.

Wenn ich meinen Lesern gegenüber zugebe, dass ich kein Slash schreibe und es fast nie lese, muss ich mich oft mit entrüsteten Fragen auseinander setzen, die unterschwellig Homophobie bei mir vermuten. Doch wenn ich mir die Inhalte der besonders beliebten Gay-Romance-Werke anschaue, frage ich mich, ob diese Leserinnen sich wirklich als Verfechterinnen von LGBTQ+ Angelegenheiten feiern können. Nicht nur einmal habe ich in letzter Zeit gelesen, dass Gay-Romance der Lesben-Porno für Frauen ist – und den Männern, die Lesben-Pornos schauen, geht es dabei bestimmt nicht um die Homosexualität der präsentierten Frauen.

Fiktion kann und darf viel, was in der Realität unmöglich oder verboten ist. Das ist das Schöne an der Kunst und der Literatur und ich bin die letzte, die diese Freiheit einschränken will, im Gegenteil, nirgends sonst kann man sich ähnlich gut mit Tabus beschäftigen wie in der Kunst.. Mein Beitrag zielt entsprechend auch gar nicht darauf ab, Gay-Romance in der oben ausgeführten Ausprägung zu verurteilen oder zu sagen, dass niemand das mehr schreiben sollte. Tatsächlich will ich nur erreichen, dass insbesondere jene, die diese Geschichten gerne lesen, innehalten und nachdenken. Sich darüber klar werden, dass sie hier fiktionale Werke lesen, die mit dem realen Leben homosexueller Paare vermutlich wenig zu tun haben, weil sie sich an eine weibliche Leserschaft und nicht an homosexuelle Männer richten. Wichtig ist, dass ein Bewusstsein dafür entsteht, wie heteronormative Machtstrukturen aussehen und dass sie vielleicht im Reich der Fiktion ansprechend sein können, aber niemals als Schablone für die Wirklichkeit genutzt werden sollten.

 


 

Bilder in dieser Beitrag stammen von pixabay.com

3 Kommentare zu „Die Reproduktion heteronormativer Machtstrukturen in Gay-Romance

  1. Wow, ein wirklich sehr guter Beitrag! Dem kann man kaum noch etwas hinzufügen! Da ich grundlegend keine „Romance“-Bücher lese, kenne ich auch keine aus diesem Genre. Dank der Bloggerin von „Laberladen“ jedoch bin ich ein wenig über die Vielfalt des Genres informiert, denn auch wenn ich Bücher mit hohem Liebesfaktor nicht gern lese, lese ich ihre Besprechungen sehr gerne!

    Liebe Grüße
    Janna

    Gefällt 1 Person

  2. Huhu,

    ein sehr interessanter Beitrag und auch wenn ich eher weniger homoerotische oder erotische Geschichten im Allgemeinen lese, so finde ich deine Ausführungen gut auf den Punkt gebracht.

    Liebe Grüße und einen schönen Start ins Wochenende,

    Silke

    Gefällt 1 Person

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