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[Rezension] Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie

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Autor: Klaus Cäsar Zehrer
Genre: Gegenwartsliteratur
Ausgabe: Hardcover, 656 Seiten
Erschienen: 23.08.2017 bei Diogenes

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das-genie-9783257069983Boston, 1910. Der elfjährige William James Sidis wird von der amerikanischen Presse als »Wunderjunge von Harvard« gefeiert. Sein Vater Boris, ein bekannter Psychologe mit dem brennenden Ehrgeiz, die Welt durch Bildung zu verbessern, triumphiert. Er hat William von Geburt an mit einem speziellen Lernprogramm trainiert. Durch Anwendung der Sidis-Methode könnten alle Kinder die gleichen Fähigkeiten entwickeln wie sein Sohn, behauptet er. Doch als William erwachsen wird, bricht er mit seinen Eltern und seiner Vergangenheit. Er weigert sich, seine Intelligenz einer Gesellschaft zur Ver­fügung zu stellen, die von Ausbeutung, Profitsucht und Militärgewalt beherrscht wird. Stattdessen versucht er, sein Leben nach eigenen Vorstel­lungen zu gestalten – mit aller Konsequenz.

(Cover & Klappentext von diogenes.ch)


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Am heutigen Tag hat der Diogenes-Verlag ein neues, wundervolles Buch herausgebracht, das ich für euch vorab lesen und rezensieren konnte. Ich lade euch herzlich ein, eine große Tasse Kaffee zu nehmen, um mich auf einer Reise durch die Lebensgeschichte von William James Sidis zu begleiten. Es gibt eine Menge zu entdecken!

 

Ein junger, intelligenter Boris Sidis, getrieben von unstillbarem Ehrgeiz und Leidenschaft, ist sich sicher, dass Elektrizität, die für alle nutzbar ist, der Schlüssel zu einem neuen Zeitalter ist. Ebenso ist er sich sicher, dass Bildung die Unterschiede zwischen den Menschen verschwinden lassen kann. Wenn nur jedes Kind richtig und frühzeitig gefördert wird, kann jeder intelligent genug sein, um nicht länger von Demagogen und anderen Verführern abhängig sein zu müssen, sondern ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Boris Sidis, der idealistische, gebildete Einwanderer, will im Land der unbegrenzten Möglichkeiten tatsächlich unbegrenzte Möglichkeiten für alle ermöglichen.

In der nicht unbedingt hochintelligenten, aber fleißigen und mindestens ebenso ehrgeizigen Sarah findet Boris die perfekte Ehefrau, um sein Leben nach seinen Vorstellungen leben zu können. Und wer würde sich besser eignen, der Welt zu beweisen, dass seine Erkenntnisse über Psychologie und das Subwaking Self, wie er es nennt, stimmen, als der eigene Sohn? Boris und Sarah ziehen an einem Strang, um ihrem gemeinsamen Sohn die Tore der Welt zu öffnen.

 

Intellektuelle Bildung als das non plus ultra

Von Anfang an lehrt Boris seinen Sohn, dass er keinen Respekt vor älteren Menschen oder Institutionen haben soll. Allein das Maß der Bildung, das Maß des Intellekts zählt. Wer sich nicht um Bildung bemüht, verdient keinen Respekt. Die Erziehungsmethoden von Boris und Sarah wirken mal logisch, mal abstoßend. Eindringlich wird geschildert, wie sie alle Sinneseindrücke für ihr kleines Kind filtern, um ihm zu helfen, die Welt schneller zu begreifen. Tatsächlich tut William James das auch, in atemberaubender Geschwindigkeit erlernt er nicht nur Dinge, für die andere Kinder Jahre brauchen, sondern entwickelt auch Verständnis für komplexere Zusammenhänge, die selbst Erwachsenen verborgen bleiben. Doch was auf der einen Seite verlockend und wundervoll klingt, hat seine eindeutigen Schattenseiten.

Immer wieder schildert der Autor Szenen, in denen die stolzen Eltern ihr hochintelligentes Kind vor anderen zu Schau stellen, Szenen, in denen sie William auffordern, sein Wissen oder sein Denkvermögen zu demonstrieren, nicht etwa, weil sie stolz auf seine Leistung sind, nein. Sie sind stolz, dass ihre Erziehungsmethode funktioniert. Rund um die Uhr ist William umgeben von einer Atmosphäre des Lernens. Gewiss, die Eltern legen Wert darauf, dass er Spaß am Lernen hat und sie ermuntern ihn dazu, eigenen Interessen nachzugehen. Doch dabei geht es nie um ihn, sondern nur um den Beweis, dass die Sidis-Methode funktioniert. Es ist beim Lesen bisweilen hart, die Eltern nicht zu verfluchen für ihre Unfähigkeiten, jenseits des rational-logischen Teils eine gute Erziehung zu liefern.

Es ist entsprechend wenig verwunderlich, wie schwer sich William, genannt Billy, in der Schule tut. Nicht nur lebt sein Vater ihm Verachtung für diese Institution vor. Die Institution selbst lässt sich tatsächlich auf das Spiel ein: Immer wieder überspringt er eine Stufe, steigt auf, kommt mit älteren Kindern zusammen, bis er mit gerade elf Jahren im Rahmen eines Förderungsprogramms für hochbegabte Kinder an der Harvard Universität aufgenommen wird. Ebenso wenig wundert man sich darüber, dass er mit den Studenten im Wohnheim nicht zurecht kommt, dass er sich schwer tut, den Vorlesungen zu folgen und generell Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen hat. Er versteht nicht, dass sein Drang, jederzeit alles zu hinterfragen und jederzeit auf alles die richtige Antwort zu geben, gesellschaftlich problematisch ist. Seine Eltern haben dieses Verhalten immer gefördert und in dem jungen William lodert das Feuer kindhafter Neugier.

 

Über Grenzen und Entscheidungen

Erziehung und Bildung ist schon seit der Aufklärung ein sehr beliebtes Thema. Hatten sich Ratgeber vor der Zeit vor allem damit beschäftigt, wie man den Willen des Kindes brechen kann, damit er einem gottgefälligen Pfad folgt und nicht den Verlockungen des Teufels erliegt, ging es seit dem 18. Jahrhundert vor allem um die Frage, wie man (zumindest reiche und/oder adelige) Jungen (und später auch Mädchen) so erziehen kann, dass sie ihren Verstand best möglich nutzen. Und so sehr die Aufklärer auch die Vernunft lobten, so gut begriffen sie doch, dass unsere Menschlichkeit in Gefühlen, vor allem im Mitgefühl für andere Menschen, verankert liegt. Sie wussten, eine gute Erziehung bildet nicht nur den rationalen, sondern auch den emotionalen Teil des Menschen. Genauso gibt es genügend Aufsätze aus jener Zeit darüber, wie wichtig es ist, Kindern Grenzen zu setzen und sie unter die Aufsicht von Erwachsenen zu stellen, um ihre moralische und intellektuelle Bildung zu überwachen.

Nichts davon scheint Boris und Sarah bekannt zu sein. Als nämlich William schließlich nach Harvard zurückkehrt, macht er eine für sich selbst enorm wichtige Entdeckung: Er braucht Grenzen und Prinzipien.

Offensichtlich haben seine Eltern es versäumt, ihm Grenzen aufzuzeigen. Sein Alltag hat sich stets nur darum gedreht, immer mehr und mehr zu lernen und immer mehr und mehr Fragen zu stellen. Aber Grenzen, die Eltern ihren Kindern setzen, sind nichts anderes als abgenommene Entscheidungen. Die Welt ist zu groß und zu verwirrend, als dass ein Kind alle Entscheidungen für sich selbst treffen könnte. Nicht umsonst bemerkt man als junger Erwachsener plötzlich, dass Erwachsensein ganz schön beängstigend ist. Man kann alles tun – aber man muss die Entscheidung dazu selbst treffen. Die Entscheidung, die Vorlesung zu besuchen. Die Entscheidung, sich um Rechnungen, Steuern und den Einkauf zu kümmern. All das sind Entscheidungen und jede Entscheidung kostet Energie. Je weniger Entscheidungen man treffen muss, umso mehr Energie hat man übrig. Es ist sehr klug von William, sich einen ausführlichen Katalog von Prinzipien zu erstellen, der ihm diverse Alltagsentscheidungen abnimmt. So hat er mehr Energie für sich, das Lernen und das Leben übrig. Doch so intelligent ein Vierzehnjähriger auch ist, er hat nicht die Lebenserfahrung, um über alle Materien ein ausgewogenes Urteil fällen zu können. Ebenso kann man sich sehr schnell darin verrennen – und genau das tut William.

 

Sehnsucht nach Normalität

Entsprechend verwundert es nicht, dass er als Mann Mitte zwanzig plötzlich an der Welt verzweifelt. Er hat viel erlebt in der Zeit und er kann Amerika nicht mehr als das Land der Freiheit sehen.

William sehnt sich nach nichts mehr als nach einem normalen Leben. Er will keine Aufmerksamkeit durch die Presse, ebenso wie er keine Gehaltserhöhung und anspruchsvollere Arbeit ob seines Intellekts will. Er liebt die Anonymität und die Abgeschiedenheit. Längst könnte er zur intellektuellen Elite gehören, genau das ist es, was seine Eltern von ihm erwartet hatten, doch genau das ist es, was er nicht will.

Es ist herzzerreißend zu lesen, wie sich William selbst die Schuld daran gibt, dass sein Vater Boris sein Lebenswerk, die Entwicklung der Sidis-Methode, zerstört sieht. Insbesondere seine Mutter hält ihm immer wieder vor, was er schon alles hätte erreichen sollen und wie unverständlich ihr war, dass er ihr gemeinsames Lebenswerk durch sein gedankenloses Handeln in Verruf gebracht hatte. Denn die Presse hört nicht auf über das Wunderkind von einst zu sprechen, doch statt lobend äußern sie sich zunehmend verachtend und höhnisch. Dass zeitgleich durch Freud die Psychoanalyse populär wird und an den psychiatrischen Methoden von Boris verstärkt Zweifel aufkommen, hilft der Familie auch nicht.

Aus William James Sidis hätte ein großer Universalgelehrter werden können. Stattdessen beschäftigt er sich in den letzten Jahren seines Lebens mit Straßenbahntickets und führt einen aussichtslosen juristischen Kriegen gegen die New York Times. Die Lebensgeschichte von William James Sidis ist wahr, er hat wirklich gelebt und der Klaus Cäsar Zehrer hat intensive Recherchen durchgeführt, um sie so authentisch wie möglich darzustellen. Trotzdem – oder genau deswegen – ist das angesprochene Thema unwahrscheinlich wichtig. Immer wieder begegnet man Eltern, die in ihrem Drang, in der Erziehung alles richtig  zu machen, völlig übersehen, worauf es eigentlich ankommt: Liebe. Ein Kind muss durch die Eltern erfahren, dass es bedingungslos geliebt wird, um seiner selbst Willen, um zu einem selbstbewussten, glücklichen Menschen heranwachsen zu können. Wer in seiner Kindheit nie erfahren hat, dass er ohne Bedingungen liebenswert ist, wird das als Erwachsener kaum noch nachholen können. Ebenso macht nichts ein Kind unglücklicher, als sich Erwartungen ausgeliefert zu sehen, die es nicht erfüllen kann. Dass es Eltern gibt, die nicht ertragen können, dass ihr Kind eventuell nicht für das Gymnasium oder ein Studium geeignet ist, ist tragisch.

William scheint darüber hinaus nie gelernt zu haben, dass Kunst und Schönheit um ihrer selbst Willen eine Existenzberechtigung haben. Sie sind nicht nützlich, zumindest in keinem rational erfassbaren Rahmen. Er hat Liebe nie verstanden – zumindest in der Schilderung des Autors. Er hat sein Leben lang damit gehadert, dass seine Eltern Erwartungen an ihm haben, ein Hadern, das ihn schließlich in abgrundtiefen Hass insbesondere gegen die eigene Mutter getrieben hat. Zu früh hat er begriffen, dass er immer ein anderer bleiben wird. Er ist alleine, unverstanden und zu interessant, als dass die Öffentlichkeit ihn in Ruhe lassen könnte. So spannend und aufschlussreich die Theorien von Boris auch sind, seine maßlose Übertreibung hat einem jungen Menschen die Möglichkeit genommen, glücklich zu werden.

Trotz des schwierigen Themas ist das Lesen dieses Romans ein Genuss. Der Schreibstil ist fantastisch, er spiegelt stets den Charakter wieder, durch dessen Augen wir das Geschehen gerade wahrnehmen. Mal haben wir die strenge Sarah, mal den idealistischen Boris als Perspektive und später den kindlich-naiven William. Das Amerika zur Jahrhundertwende und im Ersten Weltkrieg wird so anschaulich, aber trotzdem nebenher beschrieben, dass man sich tatsächlich in der Zeit zurückversetzt fühlt. Es ist beinahe nicht zu glauben, dass dies der erste Roman des Autors ist.

Fazit:

Mit seinem Debütroman „Das Genie“ ist es Klaus Cäsar Zehrer gelungen, die Biografie eines sehr spannenden Mannes lebensnah und unterhaltsam zu erzählen. Die Vorstellung, dass William James Sidis tatsächlich so ein Leben gelebt hat, ist ebenso tragisch wie lehrreich. Die psychologischen und philosophischen Lehren dieses Buches, aber auch die politiktheoretischen und mathematisch-physikalischen Erörterungen regen zu immer neuem Nachdenken an. Nicht selten lacht man auf der einen Seite, um auf der nächsten Seite schon wieder starr vor Entsetzen zu sein. Die Mischung aus Tragik und scharfzüngiger Realitätsbeschreibung macht diesen Roman zu einem strahlenden Juwel. Ich kann nur wärmstens eine umfassende Kaufempfehlung aussprechen. Das Buch war anregender als jeder Kaffee, denn ich habe die über 600 Seiten innerhalb von zwei Tagen inhaliert, ohne zu ermüden.

Ich vergebe 5 von 5 Kaffeetassen.

5P

5 Kommentare zu „[Rezension] Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie

  1. Eine sehr gut geschriebene Rezension zu einem ganz wunderbaren Buch! Schon seit Ewigkeiten habe ich kein Buch mehr in so hohem Tempo gelesen wie bei „Das Genie“.

    Man kann nur hoffen, dass Zehrer seinem Roman ganz bald einen zweiten folgen lässt. 🙂

    Gefällt 1 Person

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