Schreibtipps

Die Kunst des Schreibens [3]: Allgemeine Tipps zur Charaktererschaffung

Jede Geschichte lebt davon, dass die Charaktere in ihr spannend sind und der Leser sich mit ihnen identifizieren muss. In Zeiten der Fanfictions, die zu Hauf im Internet veröffentlicht werden, entstand der Begriff der „Mary Sue“ (männl.: „Gary Stu“), um Charaktere zu beschreiben, die übermächtig und rundum perfekt wirken – und damit zum Gähnen einladen. Wenn ein Charakter, egal, ob in einer Romanze oder einem Fantasy-Roman, unbesiegbar wirkt und nicht verlieren kann, dann gibt es für ihn keine Herausforderungen und die Geschichte kann sich nicht entwickeln, da jedes Problem sofort gelöst wird.


 

Doch wie kreiere ich einen Charakter, der lebensecht, authentisch, sympathisch – oder im Falle des Bösewichts auch mal unsympathisch, wirkt? Es gibt eine Reihe verschiedener Techniken, wie man einen Charakter entwerfen und ausarbeiten kann, und je nach dem, was man als Autor für ein Typ ist und welche Art von Geschichte man schreibt, funktioniert die eine Methode besser als die andere. Mein Ziel in den folgenden Artikeln dieser Serie ist es, dir Handwerkszeug zu geben, mit dessen Hilfe es dir leichter fällt, deine eigenen, spannenden Charaktere zu entwerfen.

Instagram5In diesem ersten Artikel verfolge ich zwei Ziele: Einerseits sei in aller Kürze auf den Unterschied zwischen Hauptcharakter und Nebencharakteren hingewiesen. Hauptcharaktere begleiten den Leser durch die ganze Geschichte hindurch, sie sind beinahe dauerhaft anwesend und müssen für ein möglichst breites Publikum als Sympathieträger funktionieren, da sonst das Buch niemanden interessiert. Zu extreme Macken, zu auffällige Fehler kann ein Hauptcharakter nicht haben. Nebencharaktere hingegen brauchen weniger Tiefe, da sie seltener auftauchen, sie können beinahe übertrieben wirkende Eigenschaften haben. Man denke nur an Ron Weasley aus der Harry-Potter-Reihe, der sehr auffällige, starke Charakterzüge trägt, er ist ängstlich, erscheint häufig nicht als klug, und ist in vielen Handlungen determiniert durch den Schatten, den all seine großen Brüder und sein bester Freund werfen. Ebenso steht es um Crabbe und Goyle, die beiden Sidekicks für Draco Malfoy, sie bestehen fast die ganze Zeit über nur aus einem Klischee: Sie sind groß, dick, gefräßig, stark und sehr, sehr dumm. So ein Charakter könnte niemals ein Hauptcharakter sein, doch als Nebencharaktere funktionieren sie perfekt. Sie werden ein einziges Mal beschrieben, und danach weiß jeder sofort, was er zu erwarten hat, wenn sie auftauchen. Nebencharaktere könnten die lustigsten, abstrusesten, extremsten Eigenschaften haben, ohne dass das ganze Buch dadurch an Glaubwürdigkeit verliert.

Zum anderen will ich noch ein paar Worte zur eingangs erwähnten Mary Sue verlieren. Ich habe auf einer Wiki-Seite, die sich der Reinheit der Fanfictions verschrieben hat, folgendes Bild gefunden:

Mary Sue

[Quelle: ppc.wikia.com]

Wir sehen hier die Mary Sue in all ihrer Abscheulichkeit:
✧ Das erste Bild zeigt, was man generell so von ihr denkt: Ihr Daseinszweck ist es, mit ihrem bombastischen Aussehen den heißesten Kerl des Fandoms zu verführen.
✧ Auf dem zweiten Bild sehen wir einen verzweifelten Fan, der einen Wutausbruch nach dem anderen erlebt, weil die Mary Sue die Geschichte zerstört.
✧ Besonders gut ist das dritte Bild: Keiner der eigentlichen Hauptpersonen kennt Mary Sue, doch jeder ist interessiert an ihr.
✧ Auf dem vierten Bild sehen wir die eigentliche Tragik: Die Autoren denken meist, sie kreieren eine tolle, starke Power-Frau, die unabhängig und fortschrittlich ist, ihr eigenes Schicksal gestaltet und auf Männer pfeift – ein feministisches Anliegen.
✧ Die Mary Sue selbst wiederum, wie auf Bild fünf zu sehen, lebt in Wirklichkeit einzig und allein für ihre Liebe zu der Hauptperson
✧ Und auf Bild sechs schließlich sehen wir, warum sie eigentlich so zerstörerische Gewalt hat: Ihre übermenschlichen Kräfte sorgen dafür, dass jegliche Konflikte sofort gelöst werden können, die Geschichte also keinen Plot mehr hat, und wir automatisch beim Happy End ankommen.

Was kannst du tun, um selbst zu vermeiden, eine Mary Sue zu schreiben? Halte dir immer vor Augen, dass deine Leser mit deinen Hauptpersonen mitleiden wollen. Sie wollen sie mögen, sicher, aber sie wollen nicht von ihnen eingeschüchtert werden. Die Leser wünschen sich eine spannende Reise, auf der die Charaktere lernen, scheitern, wachsen.
Einen Charakter zu erstellen, ist wie eine Statue aus Marmor zu hauen: Zunächst formst du das Marmor ganz grob – überlegst dir den Stereotyp, dem dein Charakter entsprechen sollst – und erst, wenn die Form erkennbar ist, kommen die Feinheiten, erst dann schleifst du die Statue rund, fügst Falten ins Gewandt der griechischen Göttin, gibst ihrem Haar Locken und arbeitest die Augen heraus. Ebenso bei einem Charakter: Nachdem der Stereotyp klar ist, fügst du Charakterzüge hinzu, die das Klischee auflösen und einen echten Charakter mit Tiefgang erzeugen.
Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Vorschlägen, wie man einen Charakter möglichst komplex und lebensnah gestalten kann.

3 Kommentare zu „Die Kunst des Schreibens [3]: Allgemeine Tipps zur Charaktererschaffung

  1. Zur Erstellung eines Hauptcharakters kann ich dir noch den MBTI und das Enneagramm als Tool empfehlen. Es handelt sich um so genannte Grundtypen der Persönlichkeit, die jeweils ganz spezifische Entwicklungspotentiale aufweisen. Man startet mit der unentwickelten Form des jeweiligen Types und gelangt dann stufenweise zur entwickelten Form. Das macht den Charakter dann sehr authentisch und vielschichtig. LG und viel Erfolg wünsche ich dir!

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    1. Vielen lieben Dank für die Hinweise, Marleen. Ich werde mir die beiden Tools auf jeden Fall einmal anschauen. Man kann als Autor nie genug Hilfe erhalten, gerade am Anfang, wenn man noch unsicher ist, wie man selbst am besten arbeitet und gute Ergebnisse produziert.

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