Rezensionen

[Rezension] Grégoire Hervier: Vintage

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Autor: Grégoire Hervier
Übersetzerinnen: Alexandra Baisch, Stefanie Jacobs
Originaltitel: Vintage
Genre: Gegenwartsliteratur
Ausgabe: Gebunden, 400 Seiten
Erschienen: 23.08.2017 bei Diogenes

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Inhalt:

Der 25jährige Thomas ist leidenschaftlicher Gitarrist, der seinen Lebensunterhalt unter anderem als Aushilfe in einem Gitarrenladen finanziert. Für seinen Chef reist er nach Schottland, wo ein reicher Sammler persönlich eine Gitarre kaufen möchte. Dieser mysteriöse Lord hat einen weiteren Auftrag für ihn: Er soll beweisen, dass die legendärste Gitarre aller Zeiten, die Moderne, tatsächlich existiert. Dafür stellt er ihm beinahe unbegrenzte Finanzmittel zur Verfügung. Thomas reist um den ganzen Globus, um der dünnen Spur der Gitarre zu folgen. Er lernt mehr über Musikgeschichte, kommt vergessenen Künstlern auf die Spur und begegnet Freunden wie Feinden – alles im Namen der Gitarre.


 

image3Obwohl ich wenig von Gitarren verstehe, bin ich großer Fan der Rockmusik. Ein Buch, das nicht nur eine ausgedachte Schnitzeljagd verspricht, sondern auch geschickt Fakten der Musikgeschichte einzubauen vermag, hat mich daher direkt angesprochen. Begeistert habe ich mich in die Lektüre gestürzt und wurde nicht enttäuscht.

Aus der Perspektive des jungen Gitarrenliebhabers Thomas finden wir uns in einer Welt der Gitarren und Musik wieder. Seine Gespräche mit dem Lord, der als Auftraggeber fungiert, sind zunächst nostalgisch und sentimental, dann, wenn man genauer hinschaut, merkwürdig. Ungebunden, wie Thomas ist, folgt er der Verlockung des Geldes und der Aussucht, eine legendäre Gitarre zu finden. Er reist von Schottland aus in verschiedene Ecken der Welt, doch je näher er der Gitarre kommt, umso bizarrer werden seine Gespräche mit dem mysteriösen Auftraggeber. Man spürt als Leser förmlich, dass da mehr hinter steckt. Doch immer wieder gerät man von dem Verdacht ab, ebenso wie Thomas seine Zweifel immer wieder vergisst, wenn er tief in die Musikgeschichte abtaucht.

Flott und modern erzählt, verfolgen wir Thomas und lernen dabei ebenso schräge, wie lebensecht wirkende Charaktere kennen. Einige teilen seine Leidenschaft und helfen ihm, andere sind nur auf den eigenen Profit aus und sind mehr als zwielichtig. Was als einfache Schnitzeljagd beginnt, wird irgendwann beinahe zu einem Krimi, da sich Gewalt und Tod anfängt, um Thomas zu häufen. Das ist eine Wendung, mit der ich nicht gerechnet hatte, die mir aber durchaus gefallen hat.

Mehr und mehr Gespräche drehen sich um Gitarren, um Blues, um Rock und irgendwann auch um Heavy Metal. Während das zunächst faszinierend war, muss ich doch zugeben, dass ich diese Passagen irgendwann ermüdend fand. In einigen Gesprächen wurden die vom Autor recherchierten Fakten wundervoll eingebaut, es wirkte echt und lebhaft und hat Spaß gemacht. In anderen Gesprächen, gerade zum Ende hin, bekam ich aber zunehmend das Gefühl, dass die Fakten nur noch erzählt wurden, weil der Autor sie wusste. Das hat das Lesen leider ein wenig schleppend gemacht.

Ebenso habe ich in der zweiten Hälfte die Bindung zur Hauptfigur verloren. Wirkte er anfangs frech und jugendhaft, konnte ich später keinen Charakter mehr feststellen. Leider begegnet mir das Phänomen immer öfter in Romanen aus der Ich-Perspektive – statt eine besondere Nähe des Lesers zur Hauptfigur zu schaffen, geht der Charakter vollständig verloren. Das ist sehr schade. Die übrigen Figuren hingegen bleiben authentisch und wirken wie echte Menschen, so dass über diesen Mangel leicht hinweg gesehen werden kann.

Ein wenig zu rasch kam dann das Ende mit der Auflösung, was eigentlich hinter dem Auftraggeber steckt. Während die Suche nach der Gitarre über merkwürdige Umwege und ein wenig zu zufällig auftretende Charaktere auch zum Auftraggeber führt, ist dieser Teil doch nicht genug ausgearbeitet, als dass ich am Ende Befriedigung verspürt hätte. Seine Motive werden einerseits dargelegt, andererseits bleiben sie für mich aber im Unklaren, da viele Andeutungen mich mit dem Gefühl zurücklassen, dass doch mehr hinter dem Mann steckt, als man anfangs dachte. Auch das ist schade. Andererseits ist das Ende passend, gerade weil es meine Erwartungen nicht erfüllt und den Leser nicht vollständig abschließen lässt.

 


 

Fazit:

Der Roman „Vintage“ von Grégoire Hervier ist eine wundervolle Reise durch die Zeit des Rock’n’Roll und eine Liebeserklärung an die Gitarre. Man muss selbst gar nicht unbedingt etwas von Gitarren oder Rockmusik verstehen, doch wenn man offen an die Geschichte herangeht, wird man unweigerlich von Nostalgie und Schwärmerei erfasst. Alle Personen in diesem Buch brennen auf die eine oder andere Weise für Gitarren oder Rockmusik und diese Leidenschaft steckt an. Die Geschichte selbst, eine Schnitzeljagd auf der Spur einer legendären Gitarre, ist interessant erzählt, aber leider nicht wirklich spannend. Auch die Auflösung am Ende ist auf für mich schwierige Weise gleichzeitig befriedigend und unbefriedigend. Ich hätte mir stellenweise eine straffere Erzählweise gewünscht, damit an anderer Stelle mehr Zeit für die Erzählung verblieben wäre. Trotzdem kann ich guten Gewissens eine Kaufempfehlung aussprechen. Wie der Filterkaffee, den man in einem richtig guten American Diner als Refill unendlich oft bestellen kann, bietet auch dieses Buch einen beinahe unendlichen Schatz an Wissen, ohne jedoch wirklich herausragend zu sein.

 

Ich vergebe 4 von 5 Kaffeetassen.

 

4P

Ein Kommentar zu „[Rezension] Grégoire Hervier: Vintage

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