Rezensionen

[Rezension] Jonas Winner: Murder Park

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Autor: Jonas Winner
Genre: Thriller
Ausgabe: Klappenbroschur, 416 Seiten
Erschienen: 13.06.2017

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Jonas Winner - Murder ParkZodiac Island vor der Ostküste der USA: ein beliebter Freizeitpark – bis dort ein Serienmörder drei junge Frauen auf bestialische Weise tötet. Der Täter Jeff Bohner wird schnell gefasst, der Park aber geschlossen. Die Schreie der Opfer scheinen vergessen zu sein. 20 Jahre später: Die Insel soll zur Heimat werden für den Murder Park – eine Vergnügungsstätte, die mit unseren Ängsten spielt. Paul Greenblatt wird zusammen mit elf weiteren Personen auf die Insel geladen. Und dann beginnen die Morde. 

Ein Killer ist auf der Insel … keiner kann dem anderen trauen …die nächste Fähre kommt erst in drei Tagen …


 

Die Prämisse für diesen Thriller ist ein bekanntes, immer wieder gerne genommenes Konzept: Eine Anzahl von unschuldig wirkenden Personen sitzen auf einer Insel, einem Berg oder anderswo für einige wenige Tage fest, vollständig von der Außenwelt abgeschnitten, und ein Mörder geht um. Schon in Agatha Christies And Then There Were None lesen wir davon, ähnlich funktioniert auch der Edgar-Wallace-Film Das Indische Tuch. Auch in der Manga-Reihe Detektiv Conan gehört diese Idee zum Grundkonzept, das regelmäßig auf neue Weise verarbeitet wird. Entsprechend vertraut bin ich damit und ich weiß, dass ich es sehr, sehr gerne lese.

Doch gerade weil das Konzept so bekannt ist, muss man sich als Autor etwas einfallen lassen, um trotzdem noch etwas Neues, Spannendes zu erzählen. In diesem Falle würzt Jonas Winner die Geschichte damit, dass einst ein Serienmörder als Triebtäter unterwegs gewesen ist auf dem Gelände von Zodiac Island. Entsprechend erfahren wir recht viel über die Sexualität der zwölf Protagonisten, gerade bei Paul Greenblatt, aus dessen Sicht wir das meiste erleben, dreht sich sehr viel um Sex. Die Morde der Vergangenheit sind besonders deswegen verstörend, weil die sexuelle Perversion dahinter so bizarr und abstoßend ist. Das zu beschreiben gelingt dem Autor fantastisch. Ich habe mich tatsächlich beim Lesen mehrfach sehr unwohl gefühlt.

Von diesen verstörenden Details erfahren wir vor allem auch durch Interviews, die das Buch durchziehen. Von Anfang bis zum Ende bekommen wir Interviews aller zwölf Opfer mit einem Psychiater zu lesen, die vor dem Beginn der Handlung spielen. Das soll dem Leser Aufschluss über die Charaktere geben, Hintergrundinformationen vermitteln und über das Beziehungsgeflecht aufklären. Generell ist das gut gemacht und es gefällt mir auch, doch leider empfand ich hier – wie auch im Rest der Geschichte -, dass die Dialoge nicht vollständig überzeugen. Winner bemüht sich darum, die Personen sprechen zu lassen, wie Menschen wohl sprechen – Sätze sind grammatikalisch nicht korrekt, oft unterbrechen sie sich selbst, Gedanken werden gestammelt, man wiederholt sich mehrfach, wenn man ein Thema umgehen will. Während mir das eingangs positiv aufgefallen ist, habe ich doch schnell festgestellt, dass alle exakt auf dieselbe Art und Weise reden. Alle zwölf Personen sprechen so, der einzige Unterschied besteht darin, dass die Männer eine geringfügig härtere Ausdrucksweise wählen. In meinen Augen sollte man sich als Autor darum bemühen, zumindest den wichtigsten Personen auch durch ihre Sprechweise etwas Eigenes, Persönliches zu geben. Abgesehen davon ist der Schreibstil jedoch gut, teilweise sogar auf eine Art und Weise plastisch, die uns unaufdringlich den Horror in die Glieder treibt. Das vermisse ich oft bei Thriller, umso mehr fiel es hier positiv auf.

Während des Lesens der eigentlichen Geschichte jedoch habe ich mich streckenweise ein wenig gelangweilt. Es geht also ein Mörder um, anfangs zweifelt man noch, ob es real ist, irgendwann ist man sich sicher, dass es real ist. Die Opfer stellen fest, dass das Hotel, in dem sie untergebracht sind, diverse Fallen, geheime Vorrichtungen und andere Überraschungen bereithält, die es dem Mörder einfach machen, unerkannt und unbemerkt sogar in abgeschlossene Zimmer zu gelangen. Ein Mord in einem verschlossenen Raum, eines der schönsten Rätsel in Krimis! Schade, dass mindestens eine der Lösungen exakt so, aber wirklich bis aufs Haar in „Das Indische Tuch“ vorgekommen ist und generell eine der beliebtesten Fallen darstellt. Aufgrund dieser Ähnlichkeit fühlte ich mich auch wieder an Agatha Christies Roman erinnert, an dessen Auflösung am Ende und wer tatsächlich noch übrig war. Sofort schlichen sich bei mir Zweifel über das Gelesene ein.

Mit Paul Greenblatt haben wir zudem einen eher unzuverlässigen Erzähler. Das bemerkt man recht schnell, da er immer wieder kurze Gedanken und Traumbilder hat, die man auch Halluzinationen nennen könnte, die mit der Realität wenig zu tun haben. Als Leser weiß man daher nie, woran man wirklich ist – und ob nicht, obwohl wir alles aus seiner Sicht erleben, am Ende er gar der Mörder ist. An sich ist das clever gemacht, da es zumindest mich ständig in Hab-Acht-Stellung gehalten hat, doch die Art, wie um Paul zunehmend ein riesiges Mysterium, eventuell gar ein schreckliches Geheimnis konstruiert wurde, hat mich gegen Ende dann doch gestört. Es ist in Ordnung, dem Leser zu sagen, dass Paul eventuell selbst nicht weiß, was ihm geschieht, aber wir müssen das nicht in derartiger Häufigkeit lesen.

Die Aufklärung erfolgt am Ende in zwei Schritten, einerseits wird aufgedeckt, wer die zwölf Opfer auf der Insel umbringt, andererseits erfahren wir endlich die Wahrheit über den Serienmörder von vor zwanzig Jahren, der überhaupt erst Anlass gegeben hatte, den Vergnügungspark in den titelgebenden „Murder Park“ umzugestalten. Ich gebe zu, das Konzept hinter dem Murder Park hat mich von Anfang an zweifeln lassen, ich kann mich nicht vorstellen, dass das in der Realität umsetzbar wäre. Die Aufklärung dazu tat ihr Übriges. Gewiss, dies ist Fiktion und da kann man die Regeln durchaus mal biegen, aber das hier war für mich leider doch ein wenig zu weit hergeholt.

Wirklich spannend ist eigentlich das Porträt von Jeff Bohner, dem Serienmörder, der einst drei Frauen umgebracht hat. Als Inspiration für den Murder Park spielt auch er eine große Rolle und wir steigen ziemlich tief in die Abgründe der menschlichen Psyche und Sexualität, um mehr über ihn, seine Opfer und die Betroffenen zu erfahren. Das ist spannend, da hat das Buch seine Stärken. So haarsträubend es stellenweise auch erscheinen mag, sexuelle Perversion ist ein spannendes Thema, in dem es leider auch in der Realität keine Grenzen gibt. Die Wahrheit, die hier am Ende ans Licht kam, war überraschend, gut inszeniert, aber leider nicht vollständig gelungen in meinen Augen. Die Überraschung ist für den Schluss vorgesehen und so hatte der Autor keine Zeit mehr, den Bösewicht ebenso tiefgründig zu analysieren wie die übrigen Figuren. Seine Motive, sein Trieb werden angedeutet, ich verstehe sie auch, doch ein klein wenig mehr Information hätte mich dennoch gefreut. Schon alleine, weil der Autor ganz offensichtlich begabt darin ist, diesen Aspekt des Menschen anschaulich darzustellen.

Wir bekommen hier also eine spannende Triebtäter-Analyse vor dem Hintergrund einer „And Then There Were None“-Situation. Während ich letzteres wirklich gerne mag, muss ich doch sagen, wurde es in diesem Thriller nach etwa der Hälfte etwas zäh und ich hoffte beinahe, dass möglichst bald alle sterben, damit es endlich mit dem interessanten Teil weitergehen kann. Der alte Fall des Serienmörders hingegen ist spannend, gerade weil er uns wie ein Puzzle präsentiert wird. Auch hier wäre noch mehr möglich gewesen, doch es ist definitiv die Stärke in diesem Roman.

 

FazitPark

Fazit:

Der Thriller „Murder Park“ von Jonas Winner nimmt das bekannte Konzept einer abgeschiedenen Gruppe von Menschen, die sich einem unbekannten Mörder gegenüber sehen, um vor diesem Hintergrund einen zwanzig Jahre alten Serienmörderfall wie in einem Puzzle zu präsentieren. Während das aktuelle Geschehen stellenweise recht zäh ist, sind die Informationen, die wir über den Triebtäter von damals, die Opfer und die Umstände erfahren, höchst spannend. Der Schreibstil ist plastisch, so dass abstoßende Szenen tatsächlich Unwohlsein auslösen. Leider sind viele kleine Details nicht ganz so gut ausgearbeitet, wie es diesem talentierten Autor sicher möglich gewesen wäre, so dass ich am Ende nicht vollständig überzeugt bin. Trotzdem ist das Buch unterhaltsam genug, dass ich mit gutem gewissen eine Kaufempfehlung aussprechen kann. Der Roman erinnert an einen schlichten Filterkaffee, der ohne Milch und Zucker präsentiert wird und daher seinen Geschmack nicht voll entfalten kann.

 

Ich vergebe 3 von 5 Kaffeetassen

 

3P


 

Das sagen andere Blogger:

Sarah Ricchizzi ist ebenfalls gemischter Meinung, ihr fehlt das gewisse Etwas.

Pergamentfalter hat mit „Murder Park“ ein neues Thriller-Highlight gefunden.

fraeulein_lovingbooks spricht zwar eine Kaufempfehlung aus, findet das Buch aber für einen Thriller nicht spannend genug.

10 Kommentare zu „[Rezension] Jonas Winner: Murder Park

  1. Hey Julia,
    was für eine ausführliche Rezension! Du spiegelst den Roman wunderbar wieder.
    Bezüglich der Sprache kann ich dir nur zustimmen, dasselbe habe ich während des Lesens auch empfunden. Zu Beginn dachte ich noch, dass es interessant ist, die Personen so sprechen zu lassen, wie wir es auch im echten Leben tun, doch mit der Zeit war es nur nervig. Vor allem, da die Dialoge sich stellenweise irgendwie verliefen und die Personen wirklich allesamt gleich gesprochen haben. Da hätte Jonas Winner bei seinem Können durchaus mehr differenzieren können.
    Bezüglich der Sexualität: Ah, interessant, so habe ich das beim Lesen gar nicht betrachtet. Mich hat es irgendwann einfach gestört. Dass der Täter seine Motive hatte und deshalb näher auf seine Sexualität eingegangen wurde, kann ich noch nachvollziehen. Aber bei den anderen empfand ich es irgendwann einfach als too much. Vor allem bezüglich einer Szene hätte ich es wirklich nicht lesen müssen, ich glaube, du weißt welche ich meine.
    Die Perspektive von Paul hat mich am meisten genervt. Er war irgendwann als Charakter irgendwie unbrauchbar und so eigenartig. Ich konnte mich mit seiner Sicht absolut nicht anfreunden.
    Die Auflösung fand ich eher lahm. Irgendwie war es zu vorhersehbar und das Ende war total schräg. Einfach nur schräg. Ich sag nur Riesenrad und Schlauchboot, haha. Das war irgendwie zu viel des Guten.

    Alles Liebe,
    Sarah

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    1. Oh ja, das Ende, also wie und was da passiert ist, hat mich auch sprachlos hinterlassen. Ich habe nicht mal richtig verstanden, was da vor sich ging, aber gut, plötzlich ist halt alles tot und kaputt und alle haben sich lieb.
      Und ja, ich weiß, welche Szene du meinst. Da habe ich mir auch nur an den Kopf gefasst, aber irgendwie passte es auch zu allem anderen, was da so geschehen ist…

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      1. Während ich deine Rezension las, habe ich mich auch gefragt, ob du nicht recht hast. Die Szene passt vielleicht wirklich in das ganze Konzept und die Thematik.
        Ja, das habe ich beim Ende auch gedacht. Vorher wurde alles so unendlich lang gezogen und unnötig beschrieben und dann wird die Auflösung plötzlich in ein paar Seiten gequetscht. Die geballte Ladung Aktion, die irgendwie gefehlt hat, wird dann zwischen paar Zeilen reingepresst und schnellschnell abgehandelt 😀 und dann versteht man irgendwie nur Bahnhof.
        Ich kann dir allerdings Die Zelle empfehlen, das Buch hat mir von Jonas Winner echt gut gefallen.
        Allerdings gefällt mit Fitzek immer noch besser.

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      2. Ich muss ja gestehen, von Fitzek habe ich noch nichts gelesen. Ich habe da ein wenig Angst vor, weil er einerseits so gehypet wird und andererseits viele seine Bücher sehr schlecht finde. Und ich mag ihn. Ich habe ihn auf der Buchmesse kennengelernt, als er ein langes Input Referat gehalten hat, das war toll. Er liebt seinen Beruf offensichtlich. Aber wann immer ich schaue, welches Buch ich wohl zuerst lesen sollte, stoße ich überall auf so gemischte Meinungen….

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      3. Ah, ich verstehe. Ich mag nicht jedes Buch von ihm. Die, die mir jedoch ausgesprochen gut gefallen haben sind Der Seelenbrecher und Die Therapie. Gerade Letzteres gefiel mir sehr gut.
        Ja, gehypte Autoren muss man immer mit Vorsicht betrachten, das stimmt wohl leider. Oh, er ist so unglaublich sympathisch, oder? 💙 Echt großartig und so bodenständig.

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  2. Hallo,
    ich muss ehrlich sagen, dass sich auch im Mittelteil vieles gezogen hat. Würde das Buch auch weiterempfehlen, denn mir hat das Ende dann wirklich gut gefallen und die Serienmörder-Geschichte ist auch spannend, aber ich musste mich manchmal etwas überzeugen weiterzulesen. Trotz der Spannung.
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

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